Grauzonen - Rechte jugendliche Lebenswelten

Das Konstrukt der Männerwelt:
»Wir halten zusammen – Mann für Mann!«

Verständnisse von Männlichkeit und Mann sein, die Jahrhunderte lang hegemonial waren, sind nicht zuletzt seit den 1960er Jahren einem zunehmenden Wandel unterworfen. Die auf dem Gebiet der kritischen Männerforschung renommierte Professorin Raewyn Connell beschrieb 1995 das Konzept »hegemonialer Männlichkeit« als Konstruktion von Männlichkeitsidealen und eine damit einhergehende gesellschaftliche Praxis, die die dominante soziale Position von Männern garantieren soll.

Als hegemonial ist in der deutschen Gesellschaft bis heute eine traditionelle Männlichkeit anzusehen, die vor allem auf Zuschreibungen aufbaut: Aktivität, Tatkraft, physische Stärke, Härte, Disziplin, Dominanz, emotionale Kontrolle, Rationalität im Handeln werden Männern zugeschrieben, Frauen kontrastierend dazu Passivität, Schwäche, Unterordnung , Emotionalität und Irrationalität. Im Nationalsozialismus war die »soldatische Männlichkeit« und die Präsentation gestählter, kampfbereiter Männerkörper prägend. Der Historiker Ernst Hanisch kommt zu dem Schluss: »Das Maß aller Dinge war der Mann – der männliche Krieger. In der männerbündischen Landkarte des Nationalsozialismus füllte die Frau nur eine Leerstelle.« 1

Nach dem II. Weltkrieg wurde sich wieder stärker der »traditionellen Männlichkeit« zugewendet. Diese wurde in der DDR durch sozialistische Gleichstellungsideale und in Westdeutschland vor allem durch die »1968er« und die feministische Bewegung ab den 1970er Jahren in Frage gestellt. Heute besteht eine zunehmende Pluralität von männlichen Lebensentwürfen. Selbst die traditionelle Rolle des Mannes als Beschützer und (Allein-)Ernährer der Familie, die ihm seit jeher eine Macht und Kontrollfunktion sichert, scheint gesellschaftlich verhandelbar – jedoch nicht in den von uns untersuchten rechten Lebenswelten. Die dort herausgestellte Dominanz von Männlichkeit beinhaltet den systematischen Ausschluss von alternativen Männlichkeitskonzepten, Geschlechtergleichheit, Homosexualität und der Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit, was mit dem Begriff der Heteronormativität zusammengefasst wird.

»soldatische« Männlichkeit am Beispiel von Fler

Die (Re-)Konstruktion von Männlichkeit zieht sich als Faden durch fast alle Bezugspunkte der von uns untersuchten rechten Lebenswelten. Die Szenen dort sind Männerdomänen. Bei Konzerten rechter Hardcorebands, Oi-Bands oder Böhse-Onkelz-Coverbands sind oft kaum ein Fünftel des Publikums weiblich. Dort geschieht häufig die Inszenierung als Männerbund und als männliche Kampfgemeinschaft und damit einhergehend einer geschlechtshierarchischen , heteronormativen, archaischen und körperbetonten Männlichkeit. Die ästhetische Inszenierung männlicher Härte wird u.a. deutlich im Musikvideo »Echte Männer« des Berliner Rappers Fler von 2013. Das Video zeigt breitschultrige Männer des Rockerclubs Hells Angels in typischen Posen. Im Refrain trägt Fler vor, was für ihn als männlich gilt:

»Ich trenne die Spreu von dem Weizen, Jungs von den Männern. Echte Gangster von den Bangern. Wem willst du was erzählen? Ich merk schon, was du planst. Du willst hier meinen Platz holen, ich nehm mir deinen Arsch. Denn das ist Maskulin.«

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Männerbilder im Video »Echte Männer« des Berliner Rappers Fler. Das »M« auf seinem Shirt steht für sein Modelabel »Maskulin«. Der Männerwelt von Fler und der Berliner Hells Angels sind Menschen mit Migrationshintergrund ebenso zugehörig wie die rechte Modemarke »Thor Steinar«.

 

Die Aussage »ich nehm mir deinen Arsch« steht nicht im Widerspruch zu Homosexuellenfeindlichkeit, sondern ist eine Floskel, die Macht und Dominanz ausdrückt. Tatsächlich sind die Beschimpfungen der nicht »echten« Männer im Liedtext von Fler sexistisch und schwulenfeindlich:

»Ihr Halbstarken seht nicht gefährlich aus, ihr seid Pussys mit Schwänzen wie Meerjungfrauen [...] Deine schwulen Texte, sie sind zweitklassig.«

Text und Bilder idealisieren eine archaische, gewalt und machtzentrierte Männlichkeit. Frauen werden in dem Video hypersexualisiert, auf ihre Körper reduziert, als sexy und (dem Mann) willig dargestellt. Die Erniedrigung des männlichen Konkurrenten geschieht bei Fler darüber, das s ihm eine weiblich konnotierte Unterwerfung auferlegt wird und darüber, dass die Verfügungsgewalt über die ihm »gehörige« Frau behauptet wird. Fler reimt in »Echte Männer«:

»Dein Mädchen lehnt sich an meine starke Brust. Nehm sie auf dem Tigerfell und geb ihr keinen Abschiedskuss.«

Soldatische und kriegerische Männlichkeit im Fussball

Dem Fußballspiel und andere Sportarten ist das dualistische »Wir gegen die Anderen« und »Sieg oder Niederlage« immanent, der Kampf und die Frontenbildung reicht vom Spielfeld bis auf die Ränge. Die Fußballsprache ist von militärischen Begriffen geprägt: »Angriff«, »stürmen« »Schuss«, »Flanke«, »Schützenfest« ... Spieler*innen müssen dem Prinzip von Disziplin, Unterordnung sowie Leidens und Leistungsfähigkeit folgen. Dies alles – und auch, dass jenseits des Frauenfußballs nahezu alle entscheidenden Funktionärsposten von Männern besetzt sind – macht den Fußball im allgemeinen Verständnis zum »Männersport«.

Fußballfankulturen sind durch traditionell-männliche Ideale der (körperlichen) Stärke, der Standhaftigkeit und der Durchsetzungskraft im Wettbewerb geprägt. Auch finden sich im Bild der »echten Fans« viele Elemente soldatischer und kriegerischer Männlichkeit wieder. Dies fließt im Stadion in einer hypermaskulinen Selbstinszenierung männlicher Fans zusammen: durch lautstarkes Grölen, durch ausladende Gesten in Richtung gegnerischer Fans und durch eine provokative Beschimpfungskultur, die in der Abwertung von Frauen und Schwulen fußt. Die Teilhabe in diesen Kreisen ist für diejenigen attraktiv, die sich mit diesen Auftreten und Attributen identifizieren.

Ein Beispiel aus einem Artikel im Magazin »Greif Zu!« von Fans des FC Hansa Rostock im Jahr 2011 zeigt, wie sich soldatisch kriegerische Selbstbilder mit der Abwertung des Weiblichen verbinden. Der Artikel erklärt der neuen Generation Hansa-Fans die Verhaltensregeln im Block:

»Und wir freuen uns über jede Dynamo-Fotze die beim Anblick eines jungen Hansa-Kriegers mit einer Kogge auf der Brust das Weite sucht! Also macht euch fit. Geht zum Sport [...] Macht euch fit für die geilsten 90 Minuten der Woche Und für das Vornd Nachspiel. [...] Seid immer offen und ehrlich mit euren Brüdern im Geiste. [...] streitet nicht wegen dummer Disco-Weiber! (Fickt sie lieber zu zweit :-)) Wir alle in der Fanszene sind eine große Familie! Und so sollten wir miteinander umgehen! Mit gegenseitigem Respekt, Loyalität, Stolz und Ehre.« 2

Der Text ist eine Botschaft von Männern an Männer. Er appelliert unter anderem daran, sich in der Gemeinschaft der »Hansa- Krieger« mit gegenseitigem Respekt zu begegnen. Dieser Respekt gilt nur unter Männern, während Frauen als Streit- und Sexualobjekte abgewertet werden.

Männer Bund und Bruderschaft

Mit dem Selbstbild der »Brüder im Geiste« stellen die Autoren des »Greif Zu!«-Artikels den sinnhaften Anschluss zum Modell der Bruderschaft her. Dieses erfährt Beliebtheit praktisch überall dort, wo sich Männerbünde mit Pathos und elitärem Gehabe aufwerten. Die Bruderschaft ist die Verabsolutierung des Männerbundes. Schon allein der Begriff legt fest, dass für Frauen darin kein Platz sein kann. Mit dem Appell, sich nicht um »Weiber« zu streiten, wird im Artikel ein altes, misogynes (Misogynie = Frauenhass) Motiv aufgegriffen: Die Frau, die den Streit in die Männerfreundschaft trägt und diese zerstört. Die Frau trägt stets die Schuld und wird, obgleich sexuelles Objekt, nun zum destruktiv handelnden Subjekt. Dieses Denken schwingt häufig mit, wenn über die negativen Einflüsse der Frau auf den Männerbund schwadroniert wird.

In einem Interview antwortete Frei.Wild-Sänger Philipp Burger auf die Frage, ob er sich eine Musikerin in seiner Band vorstellen könnte: »Nein, niemals! Oder sagen wir es anders: ich habe nie wirklich intensiv darüber nachgedacht. Den ganzen Stress, den eine weibliche Bandkollegin mit sich bringt, den möchte ich nicht wirklich haben. Da Regelbeschwerden, da eine Schwangerschaft, hier die Eifersüchtigen, also unsere Partnerinnen zu Hause, und dort ein eifersüchtiger Kerl der Musikerin." 3 Danach erzählt Burger über eine Tour, wo zwei »ganz liebe Mädels unter den Gastmusikern« waren, mit denen zwar »alles easy« gewesen sei, aber: »Und dennoch, die einzigen Scharmützel, die es auf der Tour gab, waren zwischen den beiden Girls. Ja, ja, die Frauen und ihre Machtkämpfchen.«

Der heterosexuelle Männerbund – sei es als Musikband, als Fußballmannschaft oder als Fußballfangruppe – mit all seiner Körperlichkeit in Freude, Leid, Kampf und Abenteuer kann nur funktionieren, wenn er frei von sexuellen und romantischen Interaktionen gedacht ist. Frauen und Schwule zerstören dieses Konstrukt und erfahren deshalb Ausschluss, zumindest aus dem inneren Kreis.

Die männliche Grammatik des Fussballs

Der harte Kern der Ultraszenen hat einen Frauenanteil um zehn Prozent. Manche Fangruppen nehmen gar keine Frauen auf. Auf den Stadionrängen sind insgesamt 20 bis 30 Prozent der Zuschauenden weiblich. Wie auch in anderen männlich-dominierten Teilräumen können Frauen teilhaben, solange sie die »männliche Grammatik des Fußballs« (Sülzle) nicht hinterfragen, sondern diese mehr oder weniger ungebrochen mittragen. Die Kulturwissenschaftlerin Almut Sülzle schreibt: »Die Fankultur funktioniert nach den Regeln einer kulturellen Grammatik, die viele explizit auf Männlichkeit zielende Regeln besitzt. Diese männliche Grammatik sorgt für den Rahmen, innerhalb dessen die Praxen gelebt werden, mit denen die Männlichkeit im Fanblock hergestellt wird, und zwar von Männern und Frauen.« 4

Dennoch hält die Fußballfankultur als Freiraum prinzipiell auch für Mädchen und Frauen die Möglichkeit offen, gängigen Rollenerwartungen zu entkommen und dort als Fan unter Fans zu stehen. Die Möglichkeit, das eigene Geschlecht für einen Moment auszublenden bzw. eine Vielfalt in den eigenen Geschlechterinszenierungen zu leben, ist in jenen rechten Lebenswelten, die stark heteronormativ geprägt sind, jedoch kaum gegeben. Rechte Lebenswelten sind im Fußball also eher dort zu finden, wo sich Jungen und Männer hypermaskulin inszenieren und weniger dort, wo Mädchen und Frauen das eigene Fansein zu einem Ausstieg aus traditionellen Rollenerwartungen nutzen.

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Laut der Rostocker Fan-Zeitung »Greif zu!« im Jahr 2013 sind Hipster und »Weiber« auf der Südtribüne unerwünscht. (siehe auch Text, Zitat aus »Greif zu!«, 2011)

 

Prozesse der Mann-Werdung

In den von uns untersuchten Lebenswelten existieren zwei unterschiedliche, sich ergänzende Modelle des Mann-Seins und der Mann-Werdung. Es ist möglicherweise ein Grund ihres Erfolges, dass Frei.Wild beide anbieten. Im Frei.Wild Song »Irgendwer steht dir zur Seite« heißt es im Refrain: »Manchmal, ja, kommt man alleine nicht an, wir halten zusammen – Mann für Mann!«

Selbst die soldatische Männlichkeit wird idealisiert, zum Beispiel im Lied »1860«, einer Hommage an die Fans des Fußballclub 1860 München: »Der Bomberclub und seine Mannen stehen bei euch bei jedem Spiel. Sie fiebern mit, feuern euch an, stehen stramm, Mann für Mann.« Der so wichtig erscheinende Übergang des »wilden Jungen« zum »echten Mann« manifestiert sich jedoch auch darin, dass er vernünftig wird und bereit ist, Verantwortung als Familienoberhaupt und Vater zu übernehmen. Im Fanbuch »Frei.Wild Allein nach Vorne« von 2011 wird über die »Abkehr« des Frei.Wild-Frontmannes Philipp Burger vom Neonazismus geschrieben:

»Danach konnte das Leben so richtig beginnen. Schluss mit dem extremen Scheiß, Schluss mit Prügeleien, Schluss mit blindem Hass. [...] Auch das Verhältnis zu seinen Eltern bessert sich – vor allem freuen sie sich, dass Philipp nun auch ein und dasselbe Mädchen mehrmals mit nach Hause bringt.«

Heute präsentiert sich Philipp Burger stolz als zweifacher Familienvater.

Im Song »Aus Traum wird Wirklichkeit« besingt er die Gefühle als Vater, der sein Neugeborenes zum ersten Mal in den Händen hält. Dies sei sein »eigen Fleisch und Blut«, für das er seine »Pflicht erfüllen« und das er »stets beschützen und [s]ein Leben lang unterstützen« werde. Die Mutter des Kindes taucht in dem mehrstrophigen Liedtext nicht ein einziges Mal auf. Das bei Frei.Wild idealisierte Bild des Mannes, der sich als Versorger und Beschützer seiner Pflicht und Verantwortung stellt, erfährt Sympathien gerade unter weiblichen Hörerinnen und auch in Milieus außerhalb rechter Lebenswelten. Zudem verzichten Frei.Wild auf Brachialästhetik, inszenieren sich im Stile einer »Boygroup« und erreichen darüber – als Ausnahmeerscheinung im Deutschrock – auf ihren Konzerten bis zu einem Drittel weibliche Fans. 

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